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Premiere des Programms KursWechsel – Schüler*innen machen Schule!

Die Fortbildung für Lehrer*innen

Am 11. Dezember 2017 fand in Aken die erste durch Schüler*innen konzipierte und moderierte Fortbildung für Lehrer*innen im Rahmen von KursWechsel zum Thema Plastikmüll in den Meeren statt.

Insgesamt kamen 25 Lehrer*innen zur regulären Dienstberatung der Sekundarschule „Am Burgtor", im Rahmen derer die Schulleitung 90 Minuten Zeit und Raum für die Fortbildung ermöglichte. 

Die elf Schüler*innen trafen letzte Vorbereitungen: sie schrieben Namensschilder, platzierten Anschauungsmaterialien – wie z. B. eine in einem Gemüsenetz gefangene Stoffschildkröte, die sie zu Hause noch selbst angefertigt hatten – installierten Laptop und Beamer, legten Arbeitsmaterialien für die Gruppenarbeiten auf den Tischen aus und nutzten die Zeit für letzte Absprachen. Eine Schülerin, deren Leidenschaft das Fotografieren ist, brachte sich als Veranstaltungs-Fotografin in Position.

Die Durchführung

Mit einer persönlichen Vorstellung leiteten die Schüler*innen den KursWechsel und Rollentausch ein und begrüßten ihre Lehrer*innen, die heute hinter den Tischreihen Platz nahmen (auch die Raumgestaltung hatten die Schüler*innen selbst gewählt). Nach einer kurzen Einführung, was die Teilnehmenden erwarten würde, begann eine inhaltliche Präsentation durch die Schüler*innen, die einen Einblick in das komplexe Thema gaben. Vertieft betrachtet wurden die Themen Meeresbewohner, Plastik in der Schule und Mikroplastik, die sich die Schüler*innen in Workshop I erarbeitet hatten. Daran schloss sich eine Gruppenarbeit an, in der die Teilnehmenden Fragen zum Gehörten sammeln konnten – denn auch die Lehrer*innen erhielten die Möglichkeit, spezifische Fachfragen an die Expertin Stefanie Werner zu stellen, die erneut aus dem UBA von Dessau nach Aken gereist war.

Es zeigte sich deutlich, dass auch die Lehrer*innen den Besuch einer Expertin an der Schule sehr begrüßten, um Fragen zu einem so umfangreichen und komplexen Thema stellen zu können. „Weshalb haben sich Produkte aus Maisstärke auf dem Markt nicht durchgesetzt?“ (Informationen zu dieser Frage finden Sie hier.), „Über welchen Erfolg haben Sie sich besonders gefreut?“, „Wie motivieren Sie sich?“, waren einige der Fragen.

Nachdem in kurzer Zeit sehr viel Wissen ausgetauscht worden war, kam Bewegung in die Fortbildung, indem alle Teilnehmenden wurden gebeten, sich zu bestimmten Aussagen im Raum auf einer Linie zu positionieren, ob diese für sie zutreffend sind oder nicht. Über dieses „Soziogramm“ kam die Gruppe in den Dialog. Ein schönes Bild ergab sich bei der Frage, ob die Teilnehmenden etwas aus der Fortbildung mitnehmen, was sie zu Hause umsetzen können: Alle konnten diese Frage für sich bejahen.

Der Abschluss

In einer abschließenden Feedbackrunde lobten die Teilnehmenden das Engagement und die Fortbildung der Schüler*innen:

„…die Schüler*innen haben selbstständig und mit gegenseitiger Unterstützung eine informative und abwechslungsreiche Fortbildung gestaltet.“

„Es war schön, wie einige Schüler*innen, die sonst eher zurückhaltend sind, hier aus sich heraus gekommen sind.“

„Das war große Kunst!“

„Spitzenklasse!“

Es wurde auch nochmals das Thema „Plastik in der Schule“ aufgenommen, indem gemeinsam überlegt wurde, wo es Handlungsmöglichkeiten in der Schule gibt, Plastik(müll) zu reduzieren und vor allem, wie das Wissen für die Mitschüler*innen zugänglich gemacht werden kann. 

„Abwechslungsreich, mit Bewegung und mit Expert*innen-Wissen“, so hatten die Schüler*innen ihren Anspruch an die Fortbildung für ihre Lehrer*innen in Workshop II formuliert. Das war ihnen gelungen: Im Feedback hoben die Teilnehmenden u. a. die abwechslungsreiche Gestaltung, die sehr gute inhaltliche Vorbereitung („…man spürte das echte Interesse der Schüler*innen.“), die angenehme Atmosphäre und das Expertinnen-Gespräch hervor. 

Bei der Verabschiedung überreichten die Schüler*innen ihren Lehrer*innen noch ein persönlich unterschriebenes Zertifikat. 

Ergebnisse der Fortbildung

Auf die Frage „Wünschen Sie sich, dass die Schüler*innen eine weitere Fortbildung durchführen?“ antworteten 24 der 25 Teilnehmenden mit „ja“ und hatten sofort viele Ideen, zu welchen Themen sie sich eine Fortbildung durch Schüler*innen wünschen würden. Die Ideen reichten von Zukunftsträumen über Nitratbelastung von Böden bis hin zu Drogenmissbrauch. 

Ebenfalls sehr vielfältig waren die Ideen, wie sie das Thema in die verschiedenen Unterrichtsfächer einbinden können: Textilien, Mülltrennung und Recycling in Hauswirtschaft, Weltmeere in Geographie, Bearbeitung von Sachtexten und Zeitungsartikel oder Argumentieren, Erörtern und Diskussionsrunden in Deutsch, Ecological Footprint in Englisch, Prozentrechnen und Maßeinheiten in Mathe. Auch für Projektwochen wurden Ideen gesammelt, unter anderem Müllsammelaktionen an der Elbe, die direkt vor der Schultür vorbei in Richtung Nordsee fließt.

Auch für den privaten Alltag hat die Fortbildung Denkanstöße gegeben. Eine Lehrerin sagte: „Wenn ich einkaufe, werde ich jetzt viel mehr darauf achten, ob Plastik drin ist, z. B. bei Kosmetik.“ 


Wie kam es zu der Fortbildung für Lehrer*innen an der Sekundarschule "Am Burgtor"?

Workshop I in Aken – Eine inhaltliche Einführung

Mit dem ersten Workshop am 22. November 2017 in Aken (Sachsen-Anhalt) fand die Premiere des Modellprojekts KursWechsel in der Sekundarschule „Am Burgtor“ statt. Gemeinsam mit elf Schüler*innen der 9. Jahrgangsstufe widmeten wir uns einen ganzen Schultag lang inhaltlich dem drängenden Umweltproblem der Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll und der Frage, wie die Schüler*innen gerne lernen möchten. Bei KursWechsel geht es genau darum: Schüler*innen machen Schule, indem sie eine Fortbildung für ihre Lehrer*innen zu dem aktuellen, fächerverbindenden Nachhaltigkeits-Thema entwickeln und selbst durchführen. Die Schüler*innen haben sich für die Teilnahme am Projekt bei ihrer Lehrerin beworben, die an der Schule Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) vorantreibt. 

Einiges war für die Schüler*innen von Anfang an klar: Sie wünschen sich Teamarbeit, wollen mit neuem Wissen nach Hause gehen, sich nicht langweilen, Spaß haben, keinen strikten Schultag erleben, keine Tests schreiben und nicht nur zuhören müssen.

Plastik – Material unseres Alltags und Bedrohung für unsere Meere

Inhalt und Ziel des Workshops waren die Bewusstmachung, dass Plastik ein Material unseres Alltags ist, das kaum noch aus unserem Leben wegzudenken ist – das aber als Müll in unseren Meeren zu einem der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit wurde. Im Workshop beschäftigten wir uns damit, was genau Plastik und Mikroplastik ist, wie es in so großen Mengen in unseren Meeren landen kann und welche Auswirkungen es hier hat.

Gleichzeitig setzten wir uns mit Lösungsmöglichkeiten auseinander, die jede*r Einzelne beitragen kann, wie zum Beispiel Müll zu vermeiden oder Ersatz für Plastikprodukte wie Plastiktüten zu finden. Die Schüler*innen versetzten sich außerdem in die Lage von Verantwortlichen aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft/Industrie und Tourismus. Diese standen ihnen neben den Verantwortungsbereichen Politik, Bildung, Zivilgesellschaft, Kunst/Kultur und der individuellen Ebene zur Auswahl. Sie erarbeiteten für diese Handlungsebenen verschiedene Lösungsmöglichkeiten, um dem drängenden Problem entgegenzuwirken. So warf die Gruppe Wissenschaft zum Beispiel die Frage auf, ob Stärke als Material langfristig eine Alternative für Plastik darstellen kann. Diese Frage konnten sie später im Expertinnen-Gespräch direkt mit einer Wissenschaftlerin besprechen.

Das Expertinnen-Gespräch

Nach der inhaltlichen Einführung, der ersten eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema und ersten Lösungsoptionen am Vormittag bereiteten sich die Schüler*innen auf das Expertinnen-Gespräch mit Stefanie Werner vor. Stefanie Werner vom Umweltbundesamt (UBA) beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema Meeresschutz, leitet das Organisationsteam des Runden Tisches Meeresmüll und bringt als Taucherin und Aktivistin sehr viele Erfahrungen mit den Meeren mit. Die Schüler*innen bereiteten Fragen vor, die sie im einstündigen Gespräch mit der Expertin diskutierten. Sie interessierten sich sehr für ihre Erfahrungen, die sie auf Expeditionen gemacht hat, welche alternativen Materialien zu Plastik genutzt werden könnten und wie eine Expertin privat versucht, ihren Alltag plastikfreier zu gestalten. Stefanie Werners Schilderungen über das Sterben von Meeresbewohnern aufgrund verloren gegangener Fischernetze (sogenannte Geisternetzte) oder durch die Aufnahme von Plastik, das mit Nahrung verwechselt wird, waren für alle Beteiligten erschütternd. Die Schüler*innen reagierten mit kreativen Überlegungen und stellten die Frage, ob Meeresbewohner hören und riechen können, so dass zum Beispiel mit Geruchsstoffen und Geräuschen ausgestattete Netze die Tiere alarmieren und sie so die Gefahr umgehen könnten. 

Eine Wissenschaftlerin so hautnah zu erleben, war für die Schüler*innen etwas Besonderes und wurde im Abschlussfeedback sehr positiv hervorgehoben: „Am besten gefiel mir die Fragerunde mit der Wissenschaftlerin“, so eine Schülerin. Entsprechend groß war die Freude, als sie erfuhren, dass Stefanie Werner gerne auch zur Lehrer*innen-Fortbildung kommen wollte. Die Schüler*innen willigten ein und integrierten die Expertin kurzerhand in ihr Fortbildungskonzept.

Drei Gruppen – drei Themen


Gestärkt durch das Mittagsessen ging es am Nachmittag in eine Gruppenarbeitsphase. Drei Gruppen beschäftigten sich mit den selbst gewählten Themen: Meeresbewohner, Plastik in der Schule und Mikroplastik. Jede Gruppe hatte zum Ziel, sich vertiefend – durch eine Aktion, eine Recherche und die Erstellung einer Präsentation – mit einem Thema auseinanderzusetzen und am Ende durch ihre Präsentation das Wissen mit den Mitschüler*innen zu teilen. 

Die Gruppe „Meeresbewohner“ schrieb als Einstieg einen Appell-Brief an die Menschen aus Sicht einer Muschel, die unter dem vielen Plastikmüll leidet, um dann erschreckende Zahlen zu recherchieren, wie zum Beispiel, dass im Jahr 2050 voraussichtlich mehr Plastikteile im Meer schwimmen werden als Fische. 

Durch die Präsentationen und ein gegenseitiges Feedback übten sich die Schüler*innen schon mal in der Rolle als Vortragende und Moderierende, die sie drei Wochen später in der selbst entwickelten Fortbildung für ihre Lehrer*innen einnehmen sollten.

Für die Schüler*innen war die eigenständige Teamarbeit nach dem Vormittag mit vielen Informationen und Fakten eine willkommene Abwechslung. So gab eine Schüler*in das Feedback:

„Mir hat besonders gut gefallen, dass wir nicht die ganze Zeit zuhören mussten, sondern auch selber recherchieren und über ein spezielles Thema einen Vortrag machen konnten.“

Mit einem Ausblick auf den 2. Workshop zur Konzeption der Fortbildung für die Lehrer*innen, einer kurzen Feedbackrunde und der Gründung einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe endete unser Premiere-Workshop.


Workshop II in Aken – Die Konzeption der Lehrer*innen-Fortbildung

Am 6. Dezember 2017 trafen wir uns zum zweiten Mal mit den elf Schüler*innen. Ziel dieses Tages war es, die Fortbildung für die Lehrer*innen der Sekundarschule „Am Burgtor“ zu konzipieren und zu proben. Diese sollte im Rahmen einer regulären „Dienstberatung“ wenige Tage später stattfinden. 

Die Schüler*innen waren sehr motiviert und arbeiteten den ganzen Tag hochkonzentriert.

Entwicklung der Fortbildung für Lehrer*innen

Mithilfe einer Planvorlage entwickelten die Schüler*innen die Fortbildung: Was soll Inhalt sein und warum? Welche Methoden eignen sich wofür und wer ist für was verantwortlich? Welche Materialien werden benötigt und was muss noch vorbereitet werden? Und die spannende Frage: Wie lange dauert was? Eine Power-Point-Präsentation? Gruppenarbeit? Ein moderiertes Expertinnen-Gespräch? Wie viel Abwechslung braucht es, damit die Lehrer*innen sich nicht langweilen? Der Rollentausch hat begonnen: Schüler*innen machen Schule!  

Wichtig war es für die Schüler*innen auch, eine Vorstellung davon zu entwickeln, in welcher Stimmung ihre Lehrer*innen wohl nachmittags zur „Dienstberatung“ kommen würden, die für das gesamte Kollegium obligatorisch an diesem Tag stattfinden sollte. Was werden sie an dem Tag bereits hinter sich haben? Werden sie vielleicht müde sein? Haben alle Lust auf die Fortbildung? Auch diese Überlegungen ließen die Schüler*innen in ihren Ablaufplan einfließen.

Die Vorbereitungen

Nachdem der grobe Ablauf der Fortbildung in einer Gruppendiskussion beschlossen war, ging es an die Ausarbeitung. Die jeweils Verantwortlichen erarbeiteten in Teams ihre Materialien, Methoden und Inhalte. 

Die Sitzordnung wurde festgelegt, eine Präsentation erarbeitet, Aussagen für eine Positionierungs-Übung im Raum formuliert („Ich stimme zu“ / „Ich stimme nicht zu“), wie zum Beispiel „Ich habe mir die Fortbildung so vorgestellt.“ oder „Ich habe schon mal bewusst etwas für den Umweltschutz getan.“. Außerdem wurde ein Feedbackbogen entwickelt.  

Die Schüler*innen merkten schnell, dass es doch vieles gab, an das es zu denken galt.

Am Ende erfolgte noch ein Probedurchlauf, so dass alle einen Überblick bekamen, die Abläufe trainieren und die Übergänge zwischen den einzelnen Methoden sowie Inhalte üben konnten. Vorfreudig verabschiedete sich die Gruppe mit Einladungs-Flyern und Aushängen, die sie im Schulgebäude und an ihre Lehrer*innen verteilten.


Wie geht es an der Schule weiter?

Am Ende der Fortbildung am 11. Dezember 2017 wurden einige Ideen diskutiert, wie das Fachwissen der Schüler*innen auch mit Mitschüler*innen ausgetauscht, wie das Thema in verschiedene Unterrichtsfächer – vor allem auch fächerübergreifend – eingebunden werden kann und wo angebliche Hygienevorschriften, die Wegwerfartikel aus Plastik in der Schule vorschreiben, überprüft werden können. Auch die Idee, eine Umwelt-AG zu gründen, wurde durch KursWechsel wiederbelebt. 

„Ich würde mir wünschen, dass die Schüler die anderen Klassen informieren.“

„Das werden wir jetzt immer so herum machen!“

Die Schule wird das Thema Verschmutzung der Meere nun auch in anderen Klassen vertiefen und an dem internationalen Theater-Projekt Das Parlament der Fische teilnehmen, das Menschen in Europa dazu motivieren will, sich gegen die fortschreitende Gewässerverschmutzung zu engagieren. Das Projekt wird ebenfalls vom Umweltbundesamt unterstützt.

 

Schule

Sekundarschule "Am Burgtor" in Aken

Bundesland

Sachsen-Anhalt

Expertin

Stefanie Werner,
Wissenschaftlerin am Umweltbundesamt, verantwortlich für den Fachbereich Meeresschutz

Umsetzungszeitraum

November/Dezember 2017